Kultur im Dorf
 

Es gibt Dörfer, die haben ein Schlösschen im Zentrum. Oder ein paar schöne alte Bauernhäuser, einen Brunnen und einen Miststock. Oberrohrdorf kann sich derartiger Sehenswürdigkeiten nicht rühmen. Nur gerade die Zähnteschüür zeugt von Vergangenheit. Der 1660 errichtete Bau diente als Umschlagplatz für die Produkte, welche zur Zeit, als Rohrdorf zur Grafschaft Baden gehörte, als Zehnten abgeliefert werden mussten. Dabei war auch ihre Funktion als Trotte wichtig, der Rebbau bildete damals einen wichtigen Erwerbszweig am Rohrdorferberg. Mit seinem Rückgang verlor die Trotte ihre Bedeutung, sie diente als Getreidemühle, Stallung und Abstellraum, ab 1954 als Turnhalle. 1982 wurde sie renoviert und zu einer Mehrzweckanlage erweitert. In dieser Form leistet das stattliche Gebäude heute der Gemeinde unverzichtbare Dienste für Versammlungen, Festivitäten, Sitzungen, Kurse und kulturelle Veranstaltungen. Eine Kommission ist mit der Aufgabe betraut, das kulturelle Leben der Gemeinde mit Konzerten, Ausstellungen, literarischen und theatralischen Veranstaltungen zu bereichern, sie hat in den vergangenen beiden Jahrzehnten jährlich zehn bis zwölf vorwiegend gelungene Anlässe durchgeführt.

       So einfach, wie sich das schreibt, ist die Sache freilich nicht. Warum Kultur im Dorf, wo man doch in die nahe Stadt fahren kann? Dort gibt es die Kleinbühne, das Theater, den Konzertsaal, die Galerie, das literarische Podium. Warum die saure Mühe, im Mehrzwecksaal das eine Mal die Konzertbestuhlung einzurichten, das andere Mal Bühne und Tribüne für eine Theateraufführung, ein weiteres Mal Ausstellungswände aufzubauen?

       Aber es geht ja nicht darum, dem städtischen Kulturbetrieb Konkurrenz zu machen. Und auch nicht darum, mit Auftritten gängiger Fernsehstars zu prunken. Kultur im Dorf hat primär eine Gemeinschaftsfunktion. Vor einigen Jahrzehnten hat ein Autor namens Guggenbühl ein Buch geschrieben mit dem Titel «Wie die Wohngemeinde zur Heimat wird» und damit exakt formuliert, worum es geht. Der Begriff Heimat ist zwar nicht mehr zeitgemäss, Dürrenmatt hat ihn durch «ein angenehmer Ort zum Leben» ersetzt. Was lässt denn die Wohngemeinde zu einem angenehmen Ort und vielleicht doch zu so etwas wie Heimat werden? Möglicherweise ihr landschaftliches Profil, eine sehenswerte bauliche Substanz, ein lebensvolles Zentrum, einladende Gaststätten. Aber das alles genügt nicht, wenn «nichts läuft». Die Gemeinde sieht sich gern durch attraktive Veranstaltungen legitimiert. Aber die Bevölkerung muss diese natürlich auch wollen und unterstützen. Das ist in einem Dorf, das kein Dorf mehr ist, nicht ganz so einfach, gerade deshalb aber besonders wichtig. Selbst wer das Konzert in der Zähnteschüür nicht besucht, sollte doch immerhin - ich hoffe es - stolz darauf sein, dass es das auch in Oberrohrdorf gibt.

       Jede Kulturorganisation hat ihr eigenes, durch die demografische Struktur der Bevölkerung bestimmtes Publikum. Die Zähnteschüürkommission versucht mit ihrem Angebot, den unterschiedlichen Interessen gerecht zu werden. Es besteht eine vage «opinion commune», dass «etwas» für alle Kreise der Bevölkerung geboten werden müsse. Dieses Etwas soll vom Niveau her weder trivial noch mittelmässig noch elitär sein, eine schwer erfüllbare Anforderung. Man kann es natürlich nicht allen recht machen, aber es ist bei der Programmgestaltung jedenfalls «conditio sine qua non», dass ein Anlass, welcher Art auch immer, künstlerische Qualität habe. Wir bemühen uns auch, eigenen Kräften ein Podium zu bieten und die Veranstaltungen publikumsfreundlich zu gestalten. Soweit die räumlichen Verhältnisse es erlauben, sollen Begegnung und freundschaftliches Gespräch ermöglicht werden. Eine angenehme Atmosphäre kann zum Besuch einladen. Längerfristiges Ziel ist es, aus der Anonymität einer gemeinderätlichen Kommission hinauszutreten und eine Vereinigung von Kulturinteressierten zu schaffen, welche bereit sind, die Aktivitäten ideell und vielleicht auch finanziell mitzutragen. Die Probleme, die sich bei solcher Kulturarbeit stellen, sind vielfältig; für einmal ganz zu schweigen von den Finanzen, wo die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben trotz zufrieden stellender Besucherzahlen immer weiter auseinander klafft. Heikel ist besonders auch die Terminfrage. Ein Mehrzweckraum wird vielfältig genutzt. Vielleicht ist der gewünschte Termin bereits für eine Hochzeitsfeier reserviert. Und wenn an einem bestimmten Datum der Verein XY in der Turnhalle seinen Jahresanlass angesetzt hat oder in der nahen Stadt ein renommierter Anlass stattfindet, hat der Quartettabend in der Zähnteschüür keine Chance. Fast nicht zu lösen ist das Problem, die jüngere Generation anzusprechen, da es nicht möglich ist, jene Attraktionen zu bieten, welche auf die Jugendlichen Anziehungskraft ausüben.

       Probleme und viel Arbeit für die wenigen, welche sich im kulturellen Bereich aktiv engagieren! Warum sie es trotzdem tun? Das muss etwas mit der Freude zu tun haben, Kreativität zu erleben, zu fördern und zu vermitteln, mit der Genugtuung, die das Gelingen einer schönen Veranstaltung erfahren lässt, mit dem Erlebnis realer – nicht virtueller – Gemeinschaft. Es muss auch in der Überzeugung gründen, vom künstlerischen Werk strahle etwas aus, was der Mensch notwendig brauche.

 

Dr. Albert Hauser

(Mitglied der Zähnteschüür-Kommission

1995 - 2001, 1997 - 2001 als Präsident)